Hohe Wohntürme und niedrigere Wohnriegel schieben sich zwischen Baumkronen und Himmel. Das ist das Allende-Viertel in Berlins flächengrößtem Bezirk Treptow-Köpenick. Nach dem Putsch gegen den chilenischen Präsidenten Salvador Allende im Jahr 1973 benannte die DDR-Regierung Straßen, Krankenhaus und Schulen um. Die Anwohnerinnen und Anwohner machten daraus den Namen für das ganze Viertel. Städtebaulich zergliedert sich das Gebiet in das Anfang der 1970er gebaute Allende I, die Erweiterung Allende II vom Anfang der 1980er und die vorwiegend aus Einfamilienhäusern bestehende Siedlung Kämmereiheide.
Nach der Wende 1990 kam es im Allende I und II neben der Umwandlung des sozialistischen Wohnbestands in privatwirtschaftliche Rechtsformen zu ersten umfassenden Sanierungsmaßnahmen. Der Großteil der Bewohnerinnen und Bewohner vom „Erstbezug“ blieb. Es erfolgten Neuerungen, wie der Abriss des alten Wohngebietszentrums und die Errichtung des Allende Centers. Schwimmhalle und Schulen wurden modernisiert, der Volkspark rekonstruiert. Für die alternde Gesellschaft entstanden mehrere Seniorenresidenzen, für nachziehende Familien mit Kindern neue Kitas. Offizielle und selbstorganisierte Jugendtreffs veränderten sich: Der ehemalige FDJ-Jugendclub ist heute die „Kinder- und Jugendfreizeiteinrichtung Würfel“; wo früher die ehemalige BMX-Bahn am Waldrand war, ist heute das „Mehrgenerationenprojekt BUDE“ inklusive einer Waldkita.
Im Allende II, direkt zwischen BUDE, Seniorenheim, Würfel und der Müggelschlößchen-Grundschule, wurde auf einer ehemaligen Brachfläche die Unterkunft für Geflüchtete aus 367 bunten Containern errichtet. Anfangs wurde sie offiziell „Wohncontainerdorf“ genannt, informell meist „Containerdorf“, später „Gemeinschaftsunterkunft“, manchmal „Übergangswohnheim“, nur „Heim“ oder, nach dem Straßennamen, „Alfred-Randt-Straße“. Die Ausstellung bleibt bei der übergeordneten Formulierung „Unterkunft“. Die Menschen, die dort im Verlauf der insgesamt elf Jahre gelebt haben, kommen als „Bewohnerin“ und „Bewohner“ zu Wort.
- „Insel der Glückseligen – schönste Platte Berlins“
- „Lern’ erst mal Allende-Viertel!“
- „Köpenick ist für mich der beste Bezirk.“
- „Ich habe alle respektiert und keine Probleme gehabt mit der Nachbarschaft gehabt.“
„Ich kann mich noch gut an den Tag erinnern. Da gab’s die Container noch gar nicht, das Gelände war Brachfläche. Es hat genieselt, es war grau, ganz trist. Ich weiß noch, dass ich mir die Fläche mit einer Kollegin angesehen habe. Denn ich bin gefragt worden, ob ich mir vorstellen kann, diese Einrichtung zu leiten. Ehrlich gesagt, auf den ersten Blick konnte ich mir das gar nicht vorstellen. Dann bin ich nach Hause gefahren, habe mit einigen Leuten gesprochen und nachgedacht. Und ich glaube, am übernächsten Tag habe ich gedacht, ich probiere das jetzt einfach. Für mich war klar, dann muss ich von Kreuzberg nach Köpenick ziehen, was ich dann gemacht habe. Und ich kann nur sagen, das war die beste Entscheidung, die ich treffen konnte.“ (Peter Hermanns,Internationaler Bund, Leiter der Unterkunft, 2014–2021)
„Das ist Allende-Viertel. Hier ist es sehr anonym, hier macht jeder sein Ding, zum größten Teil. Da interessiert es nicht, was der andere hinter seiner Tür macht. Ja, man grüßt sich, aber man sagt nur: ‚Guten Tag‘ und ‚Auf Wiedersehen‘. Man tauscht sich nicht aus: ‚Wie geht’s dir? Was hast du am Wochenende gemacht?‘ oder so was. Diese Anonymität, die ist hier überwiegend gewünscht und da wird sich auch nicht großartig etwas dran ändern.“ (Dirk, Ehrenamtlicher, Allende 2 hilft e.V., 2014–2023)
„Du kommst an und hast noch nicht alle Möglichkeiten, dir selbst zu helfen. Dann ist gerade der Sozialraum super wichtig. Die ersten „Biodeutschen“, die du triffst. Durch Begegnung werden ja auch Vorurteile abgebaut. Ich glaube, zur Integration gehört es auf jeden Fall dazu, dass ich Menschen kennenlerne, auch in meinem Kiez, um mich dort, wo ich lebe, sicherer und wohler zu fühlen.“ (Linda Massino, Internationaler Bund, Ehrenamtskoordinatorin, 2016–2020)
„Wir haben einen Schwiegersohn, der gesagt hat: ‚Dann können wir unsere Kinder nicht mehr auf die Straße lassen, wenn da die Ausländer sind.‘ Da wir die Geflüchteten schon kennengelernt hatten in der Zwischenzeit, habe ich gesagt: ‚So ein Quatsch.‘ Na ja, wenn Menschen keinen Kontakt mit anderen Ländern oder anderen Menschen haben, dann sind sie erst mal befremdet. Das hat sich aber auch sofort gelegt. Das ging ganz schnell vorbei.“ (Gerd, Ehrenamtlicher, Kleiderkammer und Begegnungscafé, seit 2015)
„Geflüchtete Menschen sind mehr und mehr im Gebiet angekommen – seien es Kinder im Würfel, Jugendliche und Familien in der BUDE und inzwischen auch einige im KIEZKLUB, obwohl der ja zu Fuß fast 20 Minuten entfernt ist. Viele geflüchtete Menschen haben die Nachbarschaft durch das Programm BENN besser kennengelernt. Weil es ja so ist: Wenn man aus einem anderen Land kommt und gar nicht weiß, dass KIEZKLUBs existieren, sucht man auch nicht danach.“ (Lena Zeller, BENN-Team Allende-Viertel, Teamleiterin, im Team seit 2018)
„Es war so, dass man in der Stadt gemerkt hat, die Westbezirke waren bunt. Und je mehr man mit der S-Bahn in Richtung Köpenick kam, desto weißer wurden die Leute, die in der S-Bahn saßen.“ (Verena, Ehrenamtliche, Begegnungscafé und Frauentreff, seit 2016)
Zeitungen 2014/15
Die Entscheidung für den Bau einer Unterkunft für Geflüchtete in Containerbauweise sorgte für ein großes mediales Echo, das auch im weiteren Verlauf anhielt. Die Nachbarschaft erfuhr von der Entscheidung mehrheitlich aus Presse und Fernsehen.